Solokonzert „Whispering Blue“
Kunstvolle Klangspiele
Saxophonist Joachim Gies bewies Extra-Klasse
Der gute Ruf macht zusätzlich den Ton zur exzellenten Musik. Saxophonist Joachim Gies, Bad Neuenahrer mit Wohnsitz in Berlin, gab vor vollen Rängen ein Konzert in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler. Avantgarde-Musik ist sein Markenzeichen geworden.
Ausschließlich mit seinen Saxophonen vermochte der seit 1974 in Berlin lebende Musiker sein Publikum zu bannen, ja gleichsam zu fesseln. Keine Rede davon, dass Zuhörer die Musik schon kennen müssen. Keinerlei Anbiederung, keine der sonst so allgegenwärtigen „Gefälligkeiten", sondern „purer Stoff“: Experimentelle Saxophonklänge auf dem Alt und Tenor, klanglich lediglich durch Einsatz eines Dämpfers oder eines extra Rohres variiert, bot Joachim Gies in seinem Konzert am Freitagabend.
Das hat System: Gies' Vita berichtet von einem mehrjährigen Projekt mit dem programmatischen Titel „Not Missing Drums". Das Schlagzeug bringt Gies sozusagen selber mit, indem er Klappengeräusche, Atemeffekte und mitunter auch nahezu tonlosen Wind zur rhythmischen Strukturierung seiner anrührenden Bekenntnismusik einsetzt. Muss Neue Musik stets elitär sein? Kann sie beim Publikum nicht ankommen? Offensichtlich geht das auch anders! Am Anfang der Komposition “Schatten" klingt Gies' Alt wie ein Didgeridoo. Fünf gleiche Töne, kurze Pause, dann nochmal vier. Mucksmäuschenstill lauschen die Zuhörer in der Synagoge den minimalistischen auch rhythmisch höchst kunstvollen Klangspielen. Leise bis ins Unhörbare hinein verklingen die Ereignisse, strukturiert von sorgsam gesetzten Atempausen. Dann Klangflächen in der vorher erklärten „Endlosatmung" („Zirkularatmung" lautet die korrekte Bezeichnung). Die Klangwelten eines Phil Glass (Koyaanisqatsi) lassen grüßen, Spielarten der Weltmusik klingen an.
Bei dem Werk „Schattenrisse" liege ein besonderer Schwerpunkt bei den Vierteltonhöhen, erklärt Gies und demonstriert sogleich diesen extra kleinen Tonschritt, der, in der europäischen Musik unüblich, in der indischen Musikkultur eine große Rolle spielt. Außerdem kündigt er Farbvariationen des nämlichen Tones an durch verschiedene Griffvarianten und bereitet seine Zuhörer auf ein wiederkehrendes Anfangsmotiv vor. Im Schulunterricht wäre hier bereits Überforderung zu vermuten gewesen, in diesem Konzert jedoch fielen die knappen Bemerkungen auf fruchtbaren Boden: Gies spielt so spannend und überzeugend, dass jedes Wort zu seiner Musik ebenso bereitwillig angenommen wird wie die eigenartigen und vielschichtigen Klänge selbst. In den intensiv gehörten Pausen lernt man gleichsam neu hören; etwas Besseres kann über Musik kaum gesagt werden.
Thomas Rohde, Rhein-Zeitung 07.01.02