Ein Regentropfen fiel aus dem Saxophon
Musik zu beschreiben ist undankbar,
schlimmer noch, überhaupt unmöglich. Und dennoch...
Der Saxophonist und Komponist Joachim Gies aus Berlin, dessen Konzert vor kurzem im Rahmen der Deutschlandtage in Tschuwaschien in der Nationalbibliothek stattfand, bescherte seinen Zuhörern eine einzig- und eigenartige Welt der Klänge.
Seine Musik kann man experimentell nennen. Die Klänge des Saxophons veränderten die Auszüge aus den Erzählungen Kafkas, die der bildende Künstler Ulrich Werner und die Übersetzerin deutscher Literatur Galina Kuborskaja-Ajgi lasen. Zusammen erschufen sie eine Bilderreihe, in der die Musik den Sinn der Zitate verdichtete, ja in eine andere Realität entführte.
Joachim Gies ist Berufsmusiker, Dozent und begeistert von der Literatur. Dies ist nicht die einzige Erfahrung mit seinem musikalischen Vortrag künstlerisch-philosophischer Texte. Er hat schon Dante, Rilke, Nietzsche und zeitgenössische deutsche Schriftsteller vertont. Es gab auch die Erfahrung einer Performance von Musik und bildender Kunst mit dem bildenden Künstler Ulrich Werner. Im Verlauf einer Stunde wurden parallel Bild und Musik geschaffen.
Die Klänge, die Gies aus seinem Instrument mit Hilfe von Mundstücken, Dämpfern, ja sogar Schläuchen aus eigener Konstruktion hervorbringt, sind äußerst ungewöhnlich. Manchmal findet sich in ihnen etwas von ursprünglicher Natur, manchmal etwas aus der heutigen technokratischen Zivilisation. Nach den Worten des Komponisten wählte er das Saxophon, gerade weil es verschiedene Experimente gut aushält. Außerdem ist das Saxophon imstande, das Atmen des Spielers, also einen Teil seiner Seele wiederzugeben.
Alle möglichen Hilfsmittel – das sind nicht die einzigen Erfindungen des Komponisten. Für die Notation all dieser ungewöhnlichen Klänge erfand er auch seine eigene Notationstechnik für die Partitur. Dabei schließt Gies nicht aus, das auch andere Interpreten seine Musik spielen können, wenn sie ihre eigene Stimmung in sie einbringen – jedoch einen bedeutenden Anteil nimmt die Improvisation in der Musik ein. Sowohl Joachim Gies als auch seine Musik sind sehr poetisch und bildreich. Ja selbst Verse entstanden:
Nasse Blätter gleiten auf den Asphalt.
Ein Regentropfen zittert, hängt am Gesims …
Es erklingt ein Saxophon und entführt in eine andere Wirklichkeit
- der Musik von Joachim Gies
